Daniela Erni

Dr. Walter Lokau

Vernissagerede
Ausstellung Haus Salmegg, Rheinfelden, 2023


Meine Damen & Herren

Wenn zwei zusammen ausstellen, dann fragt man gerne nach dem Zusammenhang beider, einem vielleicht Gemeinsamen der Arbeiten oder des Arbeitens der Ausstellenden. Nun – so obenhin, ausser dass sich’s wunderbar als Ausstellung fügt, springt mehr Verschiedenes als Verbindendes ins Auge: Die eine, Daniela Erni, macht, nennen wir es Bilder, Graphiken, Radierungen – die andere, Gabi Ehrminger, keramische Gefässe. Grundgeschiedenes als Genres: Bilder stellen etwas dar, was im zweidimensionalen Bildraum, auf einer umgrenzten Fläche erscheint, und eröffnen damit ein Imaginarium, nicht eines Zweckes wegen, sondern just um der Illusion willen, darstellend-abbildend oder wo nicht, wird’s, beruhigt man sich, schon auch etwas darstellen. Ein irdenes Gefäss hingegen ist etwas unabweislich Reales, ein Ding, dem, wie immer schön oder kunstvoll es auch sein mag, zumeist gar eine Funktion mitgegeben ist, also Kunst nicht gleich sein kann, die ja zweckfrei zu sein hat. So sind es hierarchisch auseinandergehaltene Gattungen: Die Bilder schlagen wir im Allgemeinen der Bildenden Kunst zu, wenngleich die Graphik in den Hierarchien der Bildenden Künste nicht so arg weit oben rangieren – die Töpfe aber gelten im künstlerisch wertenden Ansehen für schon gänzlich abgeschlagen, zugeteilt nämlich bloss dem, was man unterhalb der Schönen Künste früher Kunsthandwerk nannte und heute auch nobilitierend Angewandte Kunst heisst. Und wie geht’s nun zusammen ...?!

So simpel, wie es scheint, wird es den Kästchen- und Schubladendenkern nicht gemacht – am Ende, soviel sei vorab verraten, sind die Bilder nicht einfach Bilder und die Töpfe nicht einfach Töpfe, wie wir sehen werden. Das ist ein unscheinbares, aber nicht unbedeutendes Gemeinsames ex negativo. Und dies Gemeinsame wiederum resultiert aus einem auch nicht gleich sichtbaren Gemeinsamen in der Art des Arbeitens der beiden heute hier gemeinsam Ausstellenden: Daniela Erni und Gabi Ehrminger sind in ihrem je eigenen Bereich, für die von ihnen bearbeiteten Materien geradezu besessene technische Spezialistinnen, die einen fast masslos zu nennenden Aufwand an Handwerk betreiben, einen unmässigen Einsatz an idiosynkratischem Können erbringen, durch Lernen und Erfahrung über Jahre langwierig und mühselig erarbeitet. So unumgänglich notwendig nun diese jeweils sehr spezifischen, eigenartigen Techniken auch sind für das, was die beiden hervorbringen, muss man binsenweise aber auch feststellen: Zwar ist ohne solches know how alles nichts, doch Können und Wissen sind nicht alles und keine Garantie für’s Gelingen – es bleibt ein spürbarer, auratischer Rest an Unwägbarkeit, Unvorhersehbarem, ja, mit Willen Unbeherrschtem – und dieser Rest unterscheidet das künstlerische Tun vom nur technischen Spezialistentum, die technische von der künstlerischen Moderne: Der technische Spezialist – der Architekt, Ingenieur oder Maschinenbauer, aber auch jeder gescheite Handwerker – weiss, wie etwas geht, wie man etwas hinkriegt, und plant sein Handeln genau von diesem exakt berechneten Etwas, vom geforderten Ergebnis her – das Ende, das Ergebnis wird zuerst definiert, und darauf allein zielen pragmatisch und effizient Wollen und Tun. Anders liessen sich sichere Häuser, Brücken oder Autos, schwerlich hin- und herstellen. Der künstlerische Spezialist, die künstlerische Spezialistin hingegen denkt die Sache nicht so ganz und gar bestimmt vom Ende her – im Herzen der Sache selbst bleibt gleichsam eine Stelle frei, wird eine Unbestimmtheit offen gehalten, die bei aller Technik und allem Können Gestalt anzunehmen man nur erwarten kann, hoffend auf Wohl und fürchtend das Weh, riskant ausgeliefert auf Gedeih und Verderb. Mit jeder neuen Arbeit kann man nur immer wieder dieser Unbestimmtheit die Möglichkeit bereiten, wirklich zu werden, den ganzen Aufwand betreiben, damit dies Vage im Zentrum des entscheidungsreich verzweigten Prozesses mit seiner Unzahl an Möglichkeiten diese oder jene Form annimmt – und überrascht, auch jene, welche es machen: Ohne dies Moment der Überraschung würde man die rücksichtslos unökonomische Prozedur, letztlich eine verschwenderische Verausgabung, kaum auf sich nehmen, wieder und wieder, so oder so. Und am Ende ist dies vielleicht die vornehmste Aufgabe der Kunst: Uns arme Menschlein in unserer vermeintlich schicksalhaften Verfallenheit an das Seiende, wie Heidegger das nannte, zu gemahnen, dass die Wirklichkeit eben nicht unabänderlich und in Ewigkeit vorhergesehen ist, sondern in jedem Moment auch anders aussehen und ausgehen kann. Wie das im Besonderen zu bewerkstelligen ist, dafür freilich gibt es keine Vorschrift im Allgemeinen – sehen wir also zu, wie Daniela Erni und Gabi Ehrminger sich ihrer Sache jeweils im Besonderen annehmen.

Daniela Erni, 1966 geboren in Sursee am Sempachsee unweit Luzerns in der Schweiz, ist gelernte Druckgraphikerin, ausgebildet Anfang der 1990er Jahre an der Basler Schule für Gestaltung und Kunst, und hat sich nach anfänglicher Spezialisierung auf den Kupferstich ganz der graphischen Kunst der Radierung hingegeben, ja geradezu überlassen. Seit 1994 mit eigenen Druckateliers in Basel – unterbrochen nur von einem Intermezzo in Paris, seit 1998 aber umzugslos in der Basler Altstadt am Altrheinweg – unterrichtete sie an verschiedenen Lehrinstituten, heute an ihrer ehemaligen Ausbildungsstätte, arbeitet als Expertin für Museen und als Auftragsdruckerin für Künstler-Editionen – und geht ihrer sehr eigenartigen künstlerischen Arbeit nach, für die sie Preise erhielt und mit deren Ergebnissen sie in öffentlichen Sammlungen, hauptsächlich im Schweizer Raum vertreten ist. Die Radierung – ich erwähnte es schon eingangs – wird als graphische Drucktechnik, wie alle graphischen Künste, im Gesamtfeld der Bildenden Kunst noch immer als inferior angesehen. Das mag in ihren Anfängen und ihrer ursprünglich unkünstlerisch dienenden Funktion begründet liegen: Zu Beginn des 15. Jahrhunderts hatten Handwerker, Waffen- und Goldschmiede die Idee, ihre in Metalloberflächen geritzten Ornamente und Verzierungen als Musterbücher zu archivieren, indem sie Russ in die vertieften Linien rieben und auf Papier abdrückten. Erst Papier, auch eine damals gar nicht alte Erfindung, erlaubte vervielfältigende Druckverfahren – ein geradezu erotisches Verhältnis zu Papier und seinen Qualitäten ist Graphikern, nur zu verständlich, bis heute eigen. Mit dem Begriff der Vervielfältigung ist eine wesentliche Funktion von Druckverfahren genannt, auch ihr künstlerischer Makel – herkömmlich erlaubt eine Druckplatte die nahezu identische Reproduktion eines Bildmotivs, daher gibt es strenggenommen kein Original, ausser der wenig ansehnlichen Platte selbst. Druckgrafiken sind in der Regel Auflagenobjekte, wobei Sammler eine möglichst frühe Nummer eines Druckes zu ergattern suchen, als würde die Abfolge-Nähe zum Plattenursprung gleichsam doch noch ein wenig mehr Original-Aura mit sich bringen als spätere, höhere Auflagen-Nummern – freilich hat das auch mechanische Gründe: Mit der Höhe der Druckzahlen verschleisst auch die Druckplatte. Wie aber ein Bild auf eine Druckplatte übertragen? Im Gegensatz zum älteren Holzschnitt, ein Hochdruckverfahren, bei dem die Konturlinien des Motivs erhöht stehengelassen werden, ist der Kupferstich ein Tiefdruckverfahren, bei dem die Linien in eine Kupferplatte gestochen, gegraben, graviert werden unter Entfernung der anfallenden Spänlein und Grate. Die vertieften Linien nehmen die Druckfarbe auf, die wiederum unter Pressendruck vom Papier aufgenommen wird. Damit sind wir schon nahe bei der Radierung, die übrigens mit dem Gummi-Radierer für Bleistiftlinien lediglich die etymologische Herkunft ihrer Bezeichnung teilt, das lateinische radere nämlich – „kratzen, wegnehmen, entfernen“. Allerdings spaltete sich die Gattung der Radierung historisch noch einmal auf: Die Ätzradierung erleichtert das Aufbringen eines Motivs auf die Platte enorm, indem hier in eine dünne säurefeste Lack-Abdeckschicht gezeichnet wird und die Linien mit Säure ausgeätzt werden. Dagegen kehrt die sogenannte Kaltnadelradierung, das vornehmliche Medium Daniela Ernis, zurück zur direkten kraftaufwendig-mühseligen Plattenritzung, wobei aber das Geritzte nicht entgratet wird, was die feinen Linien im Druck wie von einer leichten Farbaura umgeben erscheinen lässt und schliesslich nur kleine Auflagen erlaubt, da bei jedem Druckvorgang mit der Presse just diese minimale Unebenheit wieder Mikrometer um Mikrometer eingeebnet wird. Wir haben es also bei Daniela Ernis Arbeiten hauptsächlich mit derlei arbeitsaufwendigen Kaltnadelradierungen zu tun, neuerdings auch mit geschütteten Ätzradierungen, Aquatinten, deren Motive Analogien aus der Biologie evozieren wie Mikroaufnahmen, Fliessendes, Rinnendes, augenscheinlich Organisches, Pflanzliches oder Wirbellose der niederen Tierwelt, amöbenhaftes Gezweig, fangarmig Polypiges, fadig Tentakelndes, man denkt an Einzeller, Bakterien, Bläschenkolonien, Sonn- und Pantoffeltierchen, Algen, Mollusken, Pilziges, flirrig schwebend wie im Wassertropfen unterm Okular des Mikroskops, von kräftiger doch gleichwohl durchscheinend zarter Farbigkeit, die einander überlagert und zu lichten Mischtönen sich addiert oder sattschwarz opak sich sammelt. Man meint das zu sehen – doch lässt sich hier tatsächlich von Bildern im herkömmlichen Sinne sprechen, von repräsentierenden Abbildern? Offenkundig nicht – keine der Formen liesse im biologischen Lehrbuch mit Namen, nicht Art noch Gattung sich nachweisen. Erfindungen also, frei abstrakt? Ja – und nein: Eher wie in Zeitlupe ablaufendes Prozesshaftes, das sich angesammelt hat, denn blickt man näher ans Papier, auf die Farbflächen aus feinstgratigen, doch tastbaren Linchen, wird man der substantiellen Inkonsistenz der vagen Gebilde gewahr, der schier immateriellen Ungeschlossenheit der erst so konturiert erscheinenden Wesen, die als Summe aus minimalen Ritzungen in die hart metallene, widerständige, gegen ihre Verletzung materiell wehrhafte, aber ungeschützte Radierplatte einzig der Rhythmik der strichkritzelnden Hand und dem kräftezehrenden Körpereinsatz sich verdanken und gleichsam ohne Motiv, sub-motivisch entstehen, ohne Vorbild vorab, ja man darf vermuten, sogar ohne genaue Vorstellung der Künstlerin selbst, gemacht zwar, aber nicht erfunden oder ausgedacht, sondern buchstäblich unter der zeichnenden Hand, fast unwillkürlich geworden wie Wesen einer zweiten, kleinen Evolution neben oder inmitten der grossen, die zu unserer Wirklichkeit geronnen ist. Da mag es scheinbar Gleichartiges geben, mehrere Exemplare einer Gattung, doch das Motiv ist nicht das eigentlich Bewegende, sondern ergibt sich Ritz um Ritz, Strichlein um Strichlein: Entgegengesetzt dem technischen Planen des Ingenieurs erscheint hier das Resultat erst als nachträglich aus der Materie zäh sich ereignender Effekt der Methode, das Was folgt auf das Wie, als ein überraschend Sekundäres und ganz und gar nur aus den spezifischen Mitteln des Mediums der Radierung, so und nicht anders machbar, besonders deutlich bei den amöbigen Schüttätzungen, Informel par excellence. Daniela Erni selbst spricht einmal davon, dass ihr Interesse nicht dem Reproduzieren sondern der Auseinandersetzung mit dem Material gilt – erstaunliches Bekenntnis einer besessenen Druckgraphikerin, denn nicht weniges, was traditionell die Radierung definiert und ausmacht, wird damit ausser Kraft gesetzt, fällt unter den Tisch: Wo nicht das Motiv und seine Reproduktion diese Form der Druckgraphik mehr bestimmen, sondern der Prozess der Arbeit mit seinen eigenartigen Möglichkeiten im Vordergrund steht, erledigt sich wie von selbst die Forderung nach identischer Reproduktion, der klassische Zweck der möglichst gleichen, unoriginalen Wiederholung. Durch von Druck zu Druck unterschiedlichen Farbauftrag oder das überlagernde Drucken von mehren, ja, das Überarbeiten schon verwendeter, die Benutzung auch unreiner, zerkratzter Platten, was zu palimpsestartigen, Mögliches hauchende Überlagerungen verschiedener Zustände einer Druckplatte führt, unterläuft Daniela Erni das einst strikte Reproduktionsgebot der Druckgraphik bis hin zur Monotypie, dem faktisch einmaligen Originaldruck, der autonom das Medium selbst thematisiert. Was gäbe hier noch Anlass für wertende Hierarchien des Kunstsystems ...?!

Immer schon hatte sie Töpferin werden wollen, von Kindesbeinen an. Wäre Gabi Ehrminger es freilich zünftig geworden, mit Lehr' und Brief, sie würde vermutlich heute nicht tun, was sie tut: Keramische Schönheit nämlich hervorbringen mit Müh' und Aufwand, wie ein gescheiter Töpfer es nicht auf sich nehmen würde. Diese besondere Weise von Schönheit nämlich ist nicht gescheit, fragt nicht nach Arbeit oder Zeit, die sie in Fülle braucht, um zu werden, und auch nicht nach Zweck. Diese Schönheit verlangt Leidenschaft, Besessenheit, ja Liebe und eine nicht lehrbare Meisterschaft von der, die sie angeht. Denn nur die solcherweise Angegangene ahnt die Schönheit zunächst und setzt dann alles daran, ihr als schönes Gefäss – Idee der Vollkommenheit mehr denn brauchbares Ding – ins Sein zu verhelfen. So wurde Gabi Ehrminger denn doch Töpferin – aber eine andere und anders als üblich… Dass auch aus der Selbstlernerin keramisch ebbis Rächts gworde isch, belegen ihre Arbeiten in öffentlichen und in privaten Sammlungen – 2020 erhielt sie den Baden-Württembergischen Staatspreis für das Kunsthandwerk.

Die 1957 in Radolfzell Geborene stellte ihren Wunsch aus Kindertagen hintan zunächst, absolvierte eine Ausbildung zur Fachlehrerin für Kunst und Technik – in den Schuldienst allerdings mochte sie sich anschliessend nicht beugen: Bescheiden arbeitet die Eigensinnige ein paar Jahre im sozialen Bereich als Beschäftigungstherapeutin . Doch ihre wahre Bestimmung lauert: Eine zur Ausstattung des Arbeitsplatzes gehörende Drehscheibe lockt, als hätte sie nur auf sie gewartet. Gabi Ehrminger widersteht mit Freuden nicht und immer weniger. Und so nimmt das Schicksal seinen rotierenden Lauf: Schliesslich auch ohne ordentliche Lehre geübt im Drehen gibt sie die Anstellung auf und eröffnet 1984 eine erste Werkstatt in ihrem Geburtsort, wo sie Gebrauchskeramik produziert – ihr Eigentliches ist das aber noch nicht. Die Keramofanatische, inzwischen in den Schwarzwald gezogen und zweifache Mutter geworden, verschlingt an Literatur zum Thema alles, was ihr erreichbar, und nun endlich stösst sie auf das ihr Gemässe: Primitive Brenntechniken in offenen Feuern, wie sie von afrikanischen Stammeskulturen oder in der europäischen Jungstein- und Bronzezeit noch angewandt wurden, Grubenbrände, in denen steinpolierte Töpfe backen und schmauchen. Das Einfache und Ursprüngliche, das vermeintlich Unaufwendige, auch das Pyromanische dieser Verfahren ziehen sie an. Sie beginnt, auf eigene Faust mit solchen Rauchbränden zu experimentieren – nicht ahnend, was da kommen sollte. Denn im Gegensatz zu den unansehnlichen Hervorbringungen der seinerzeit grassierend entfachten und rasch verloderten Freudenfeuer vieler Keramikdilettanten liess sie sich Zeit, hingebungsvoll, geduldig, fleissig, Jahr um Jahr, weiter lernend für sich, rücksichtslos in die scheinbar simple Sache sich vertiefend: Sie wittert unter deren zwar effektvoll, aber grob verkohlter Oberfläche eine Schönheit, die der unfortschrittlichen Mittel zum Trotz am Ende paradoxerweise als das schiere Gegenteil von Primitivismus erglänzen könnte – als ein Höchstmass langwierigst und mühseligst erzielter Raffiniertheit aus vollkommender Form, samten geglätteter Fläche und den eingedrungenen unnachahmlichen Spuren des Feuers, unauflöslich schmeichelnde Einheit, Ergebnis einer ungemeinen Sensibilität, die zwingend und bezwingend sich ausbildet im Laufe der Arbeit selbst. Sie verfeinert und veredelt: Der eigene Anspruch erwuchs Gabi Ehrminger, seit 1998 in wieder Radolfzell arbeitend, buchstäblich unter der Hand, und heute gibt sie nicht einen Fingerbreit mehr darin nach. Ihre polierten doppelwandigen Gefässobjekte, gelegentlich auch Wandobjekte, aus dem niedrigen Holzbrand gehören zum Hervorragendsten, was dieses spezielle Genre zu bieten hat.

Auf der Scheibe in einem Stück als Doppelwandformen gedreht – ununterbrochene Volumina endlos weich in sich zurücklaufender Oberfläche auf minimalstem Stand – werden die Schwebe-Formen, kaum dass sie lederhart, schon mit ausgesuchten spiegelblanken Halbedelsteinen poliert, geglättet von kaum fühlbaren Unebenheiten, vor allem aber materieverdichtet: Das Handpolieren ist kein Schleifen, es drückt und härtet den noch winzigst im Mikrometerbereich nachgebenden Ton, wieder und wieder, Stund' um Stund'. Im einfachen Ofen mit Spänen, Holz und Pflanzenresten den halben Tag bei kaum 900 Grad gebrannt, oxidiert und reduziert im Wechsel – auch dies' eine Kunst! – , umlodert von Feuer, umzogen von Rauch, gebettet schliesslich in Asche erhalten nachher die abschliessend noch einmal Polierten ihre einmalige und unvorhersehbare Kohlenstoff-Zeichnung, vom spiegelnd satten Russschwarz bis zum hauchfeinen Rostbraun – so alles glatt geht und dann glanzschimmernd dasteht. Hätte aber auch schiefgehen können aus nichtigem Grunde an dieser oder jener Stelle des Hergangs: Wirklich zufrieden ist Gabi Ehrminger mit ihren unbrauchbar schönen Gefässen nie, die, weil zu niedrig gebrannt und unglasiert, kein Wasser mehr zu fassen vermögen, aber auch nicht um eines Zweckes willen entstanden sind.

Meine Damen & Herren – Spezialistinnen sind sie beide, Daniela Erni und Gabi Ehrminger, jeweils in ihren einst dienenden Metiers. Indem beide deren traditionelle Regeln unterlaufen oder überschreiten, wie man will, und dem unendlich Möglichen der Materie auf ganz extreme Weise Raum geben, treiben sie ihre Handwerke in eine Position der Absolutheit jenseits herkömmlicher Kategorien. Das geschieht nicht mutwillig oder unbedarft, nicht genialisch oder dilettantisch sondern meisterlich beherrscht, aber nicht beherrschend: Im Zentrum allen Tuns bleibt gleichsam ein ‚Hereinschlupfloch‘ für unvorhersehbar und zwecklos Schönes, das geschieht oder auch nicht geschieht. Denn diese Schönheit kann man nicht zwingen sondern nur zulassen. Und diese besondere, widersprüchliche, in sich paradoxe Schönheit braucht ein besonderes Sensorium des Betrachters, das nun wiederum nicht vorzuschreiben ist. Sonst bleiben Bilder irgendwelche Bilder und Gefässe irgendwelche Gefässe ... Das aber, meine Damen & Herren, ist nun Ihre Sache ...

Dr. Walter Lokau